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September 2026

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Alexander Gratzer | BMWKMS Startstipendiat 2026

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„HEADLINE”

Alexander Gratzer, geboren 1993 in Salzburg, studierte Malerei an der Universität für angewandte Kunst Wien und anschließend Animationsfilm an der Moholy-Nagy Universität für Kunst und Design in Budapest. Seit 2015 realisiert er animierte Kurzfilme, die er zunächst weitgehend in visueller und akustischer Alleinregie entwickelte. Seine Arbeiten wurden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt und vielfach ausgezeichnet. Für das Startstipendium 2026 hat er sich mit seinem neuen Animationsfilmprojekt Zufälle beworben. Darin möchte er sich einer unmittelbaren und spielerischen Form des Animationsfilmemachens widmen.

Du hast zunächst Malerei an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert und anschließend Animationsfilm in Budapest. Wann bist du auf deinem Ausbildungsweg zum ersten Mal mit Animation in Berührung gekommen und was hat dich daran interessiert?

Alexander Gratzer: Als ich 2015 in einem Trickfilmseminar unter der Leitung von Nikolaus Jantsch das erste Mal eine Szene animierte, war ich aus dem Häuschen. Die Striche fühlten sich frisch und überraschend an, die Figuren bewegten sich und sprachen sogar, das erheiterte mich sehr. Nächtelang wollte ich nicht aufhören, Nasen zu animieren und sprach Sätze so oft mit meinem Zoom-Recorder ein, bis die Nachbarin klopfte und sich beschwerte. Nach vielen Jahren des Ausprobierens, der Suche und des Nichtfindens im Malereistudium hatte ich zu diesem Zeitpunkt mehr durch Zufall ein Medium entdeckt, das mich faszinierte und von dem ich fand, dass es auch gut zu mir passte. Es bot außerdem die Möglichkeit, Sprache, Zeichnung und Musik zu kombinieren.

Du arbeitest mit gezeichneter 2D-Animation und übernimmst dabei viele Schritte selbst, von der Idee über die Zeichnungen bis zur Animation und den Dialogen. Wie funktioniert dieser Prozess und wie entsteht ein Film bei dir?

Alexander Gratzer: Meine ersten Filme setzte ich weitgehend alleine in meinem Zimmer in Wien um, mit einer Ausnahme: In Apfelmus und Museumswärter lieh der Sänger Johannes Forster mehreren Figuren seine Stimme. Mittlerweile arbeite ich gerne mit einem kleinen Team zusammen, das mich besonders bei der Animation unterstützt. Zu Beginn meines Filmschaffens habe ich es aber am meisten genossen, zurückgezogen an Ideen zu arbeiten. Ich war sogar sehr unsicher, ob die Filme überhaupt jemandem außer mir gefallen würden, und zeigte sie bis zum ersten Screening niemandem.

Ich beginne meistens mit der Frage, ob es aktuell ein Thema in meinem Leben gibt, bei dem ich mir vorstellen kann, über eine längere Zeit daran zu tüfteln. Oft gehe ich dann von einem persönlichen Moment aus, der im weiteren Verlauf Schritt für Schritt abstrahiert und symbolisch überlagert wird. Dann setze ich mich gerne in Cafés mit einem kleinen Espresso und zeichne drauflos, beobachte Menschen, denke nach und baue mir Schritt für Schritt den Rahmen für den Film zusammen und bemerke oft erst Stunden später, dass der Magen knurrt.

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Du schreibst selbst das Drehbuch und machst die Animation. Welche Idee kommt dir dabei zuerst, ein Bild oder ein Text? Und wie entwickelt sich daraus eine Szene?

Alexander Gratzer: Das ist ein bisschen wie bei einem Tischtennisspiel: Der Ideenball fliegt im Kopf flott hin und her, bis sich daraus langsam eine Szene formt. Im Nachhinein ist der Ballwechsel oft gar nicht mehr so leicht nachzuvollziehen. Manchmal steht zu Beginn ein Bild, das ich unbedingt zeichnen möchte. In meinem kürzlich fertiggestellten Film At the Bottom of Things hatte ich früh im Prozess das Bild von vier liegenden Blumen im Kopf, die bei Sonnenaufgang über ihre Träume in der Nacht erzählen.

Oft beginne ich auch gerne mit der Musik. So nahm ich für meinen Film Museumswärter zuerst das Stück What's up von 4 Non Blondes mit der Stimme von Johannes Forster auf, bevor der Museumswärter dazu entstand. Manchmal steht zu Beginn aber auch ein Satz, wie in In The Upper Room, wo der ganze Film auf einer Erinnerung an meinen blinden Opa basierte. Als ich als Jugendlicher einmal fragte, ob er nicht wissen wolle, wie ich aussehe, antwortete er: „Ich weiß es ganz genau.“ Man könnte also fast sagen, die Ideen kommen von überall hergeflogen.

Dein neues Projekt Zufälle soll sich bewusst von einer festgelegten Dramaturgie und einem ausgearbeiteten Storyboard lösen. Worum wird es in dem Animationsfilm gehen und wie stellst du dir diese offene Arbeitsweise konkret vor?

Alexander Gratzer: In Zufälle möchte ich gerne mit einer Mischform aus Dokumentation und Animation spielen. Der Ausgangspunkt dafür ist das Archiv meiner alten Kinderzeichnungen: wilde Szenen voller Kämpfe, witziger Momente und mysteriöser Details. Vor allem interessiert mich daran das Zeichnen als genuine Form, Dinge zu verarbeiten, die man als Kind so noch nicht in Sprache fassen kann. Damals plagten mich starke Albträume und Kopfschmerzen, und erst durch das Zeichnen kam langsam Besserung.

Was mir besonders gefällt: Ich sehe in den alten Blättern heute einen Strich, der noch nicht gefallen wollte und noch nicht irgendwie sein musste. Fast ein bisschen wie meine ersten Animationsversuche im Jahr 2015, die ich lange nur für mich gemacht habe. An diese Unmittelbarkeit möchte ich mich wieder annähern. Dem dokumentarischen Blick auf die Kindheit steht deshalb eine animierte Gegenwart gegenüber, in der ich schlendernd durch den Alltag gehe und abwarte, was mir zufällt, einfällt oder auffällt. So, wie ich es auch als Kind getan habe, ohne große Vorplanung. Ich bin gespannt, was aus diesem Dialog zwischen den unperfekten Kinderzeichnungen und dem absichtslosen Animieren entstehen wird.

Du beschreibst, dass sich deine Arbeitsweise in den letzten Jahren von einer freien Improvisation hin zu stärker konstruierten und symbolisch verdichteten Filmen entwickelt hat. Warum möchtest du mit Zufälle nun wieder einen Schritt zurück zu dieser früheren Arbeitsweise machen?

Alexander Gratzer: Ich habe über die letzten Jahre eine Arbeitsweise gefunden, die ich wirklich sehr mag und in der ich mich zu Hause fühle. Aber genau aus dieser angenehmen Sicherheit heraus verspüre ich jetzt große Lust darauf, stilistisch etwas Neues auszuprobieren und mich beim Zeichnen selbst wieder mehr zu überraschen.

Deshalb wähle ich für dieses Projekt eine ganz offene, absichtslose Arbeitsweise. Ich möchte spielerisch herausfinden, was passiert, wenn ich mich von meinen üblichen Strukturen löse und ganz wörtlich auch einmal andere Nasen zeichne. Es ist für mich überhaupt keine Abkehr von meiner bisherigen Arbeit, sondern eine neugierige Erweiterung. Das Schöne und Beruhigende dabei ist ja: Selbst wenn ich mal etwas ganz Neues ausprobiere, wird das, was am Ende auf dem Papier entsteht, wohl sowieso wieder nach meiner Nase aussehen.

Du beschäftigst dich in deinen Animationen häufig mit alltäglichen Situationen und Beobachtungen, die dann ins Absurde oder Surreale kippen. Was interessiert dich an diesen Momenten und woher kommen die Ideen für deine Geschichten?

Alexander Gratzer: Wenn ich mir meine eigenen Filme rückblickend ansehe, merke ich, wie viel von mir selbst in den Figuren steckt und dass sie immer auch ein Abbild der Zeit sind, in der ich mich selbst gerade befunden habe. In Apfelmus habe ich meine Zeit an der Universität reflektiert, in der ich mich, wie die Figuren, nicht immer ganz richtig in meiner Rolle gefühlt habe. In At the Bottom of Things erzähle ich von einer Figur, die einen wiederkehrenden Albtraum von einem Fall ins Bodenlose hat und im Verlauf des Filmes eine kleine Reise durch die Nacht hin zu ihrer Angst unternimmt.

Dass diese Momente bei mir dann oft ins Absurde oder Surreale kippen, hat vielleicht auch mit Schutz zu tun. Das Surreale funktioniert für mich ein bisschen wie eine Sonnenbrille oder ein Kostüm. Es erlaubt mir, über sehr persönliche Themen zu sprechen, aber durch die Verfremdung und Überzeichnung entsteht eine schützende, spielerische Ebene. Das Absurde nimmt den Dingen die erdrückende Schwere und gibt mir die Möglichkeit, mit einer Prise Humor auf manch Widrigkeit des Lebens zu schauen.

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Auch anthropomorphe Figuren und eine leicht verschobene Betrachtung des Alltags ziehen sich durch dein bisheriges Filmschaffen. Können wir uns auch in deinem neuen Projekt auf solche Figuren und Situationen freuen?

Alexander Gratzer: Die liebevoll verschobene Betrachtung des Alltags wird definitiv ein Kern von Zufälle sein. Ob es diesmal wieder klassische anthropomorphe Figuren, wie philosophierende Vögel oder Blumen, geben wird, lasse ich in diesem Stadium noch bewusst offen. Der Fokus wird diesmal wahrscheinlich stärker auf menschlichen Figuren, auf Körperhaltungen, Beobachtungen und kleinen Motiven des Alltags liegen. Aber da ich diesmal dem Zufall sowie meinen Kinderzeichnungen ein Stück weit das Feld überlasse, wird es sicher so sein, dass auch tierische Wesen ihren Auftritt bekommen.


Deine Filme wirken oft sehr persönlich und entstehen zu großen Teilen in Eigenregie. Ist die Entwicklung eines Animationsfilms eine einsame Geschichte, oder gibt es doch Dinge, die nur im Team möglich sind?

Alexander Gratzer: Es beginnt bei mir oft als intime, fast einsame Geschichte, und das genieße ich auch sehr. Das Beobachten, das Skizzieren und das Ringen mit einer Idee passieren bei mir im stillen Kämmerlein. Aber die Umsetzung, gerade wenn die Projekte größer werden, profitiert enorm von einem Team.

Bei In The Upper Room habe ich zum Beispiel erstmals sehr schöne Erfahrungen in der Zusammenarbeit gemacht, etwa mit Gabor Mariai, Natália Andrade und Sebastian Doringer, die Szenen animiert haben, die mir selbst total schwer gefallen wären. Bei At the Bottom of Things sprechen mehrere Sprecher:innen Figuren aus meinem Film, was ich total toll finde. Darunter auch meine Mutter, sie hat einen Auftritt als Stern. Bei Zufälle kann ich mir sogar eine partizipatorische Ebene vorstellen, bei der Menschen, denen ich begegne, direkt durch Skizzen oder Sprachaufnahmen an der Entstehung mitwirken.

Welche Filme haben dich in deiner eigenen Arbeit besonders geprägt? Gibt es Vorbilder im Animationsbereich oder auch außerhalb davon, die dich inspirieren?

Alexander Gratzer: Als ich begonnen habe zu animieren, haben mich einige Künstler*innen besonders inspiriert. Darunter die ungarische Animationsfilmemacherin Réka Bucsi, deren Film Symphony No. 42 mich dazu veranlasst hat, an der Moholy-Nagy Universität zu studieren. Oder auch der schwedische Regisseur Roy Andersson, dessen absurd-komische Filme mich sehr beeindruckt haben.

Heute finde ich meine Inspiration in vielen Bereichen der Kunst: in der Musik (ich höre immer noch fast ausschließlich CDs), in Ausstellungen, in Theaterstücken, im Reality-TV oder auf Festivals beim Schauen von Filmen. Ich bin überhaupt ein großer Fan der Animationsfilmszene, weil dort eine so herzliche und fast familiäre Atmosphäre herrscht.

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Webseite Alexander Gratzer

Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill

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