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September 2026

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Irem Gökçen | BMWKMS Startstipendiatin 2026

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„Wir machen dabei viele Fehler - das ist unser Lernprozess. Und es macht unglaublich Spaß”

“Ich möchte, dass Sprache in unserem Film nicht einfach nur Mittel zur Verständigung ist, sondern ein lebendiges dramaturgisches Element”

Irem Gökçen, geboren 1998 in Istanbul, studierte Schauspiel an der Mimar Sinan Güzel Sanatlar Universität in Istanbul und an der Kunstuniversität Graz. Daraufhin folgten Engagements u. a. am Volkstheater Wien, am Schauspiel Köln und am Theater in der Josefstadt. Ihr Kurzfilmdebüt Viktor, für das sie gemeinsam mit Aron Eichhorn das Drehbuch entwickelte, Regie führte und die Hauptrolle übernahm, feierte 2025 seine Österreichpremiere bei der Diagonale und wurde anschließend auf internationalen Filmfestivals gezeigt. Für das Drehbuch SUNBURN sind sie nominiert für den CineFinum Drehbuch Preis 2026. Im Rahmen des Startstipendiums 2026 entwickelt sie das Drehbuch für den dialoggetriebenen Langspielfilm Die Premiere. Der Film erzählt die Geschichte von Can, einem jungen queeren Tänzer, der von Ankara nach Wien gekommen ist und dort ein neues Leben aufgebaut hat. 

Worum geht es in dem Spielfilmprojekt Die Premiere, mit dem du dich für das Startstipendium beworben hast?

Irem Gökçen: Die Premiere spielt vor und nach einer Premiere in einer fiktiven, prominenten Tanz- und Musiktheaterszene in Wien. Im Zentrum steht der junge Tänzer Can, der aus Ankara kommt und um seinen Aufenthalt im Land und seine Sichtbarkeit in der Kunst kämpft. Als seine Eltern überraschend zu Besuch kommen, beginnt für ihn ein Versteckspiel: Cans Wiener Leben mit seinem Freund Oskar und seiner Mitbewohnerin Sarah prallt auf sein altes Leben in Ankara.
Die fünf Figuren bewegen sich in der Enge der WG. Alle versuchen, einem bestimmten Bild gerecht zu werden, und alle haben etwas zu verbergen. Doch nach und nach kommen die Wahrheiten ans Licht.

Wie kann man sich deinen Prozess beim Drehbuchschreiben vorstellen und an welchem Punkt befindet sich das Projekt Die Premiere gerade? 

Irem Gökçen: Ich schreibe gemeinsam mit Aron Eichhorn. Wir führen auch zusammen Regie als Duo. Wir sprechen und diskutieren sehr viel. Dann schreibt die eine Person und schickt es der anderen. Diese arbeitet daran weiter oder löscht alles und schickt es wieder zurück, und dann reden wir wieder viel. So geht das lange hin und her. 

Oft beginnen wir mit Dialogen und Szenen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir beide Schauspiel studiert haben. Und für ein Treatment müssen wir dann wieder sehr viel zurücknehmen. Daher ändert sich der Stoff aber auch sehr oft, und auch in diesem Projekt haben wir zwar schon manche ausgeschriebene Szenen, aber noch kein endgültiges Ende. 

Wir machen dabei viele Fehler - das ist unser Lernprozess. Und es macht unglaublich Spaß. 

Das START-Stipendium war super, um direktes Feedback und dramaturgische Betreuung zu bekommen und einen intensiven Einblick darin zu bekommen, wie andere arbeiten.

Du hast in Istanbul und Graz Schauspiel studiert, warst ab 2022 Ensemblemitglied des Volkstheaters Wien und jetzt am Theater an der Josefstadt. 2024 hast du den Nestroy-Theaterpreis als beste Nachwuchsschauspielerin gewonnen. Was hat dich dazu bewegt, auch selbst Drehbücher zu schreiben und Regie zu führen, und wie wird das von deiner bisherigen Erfahrung als Schauspielerin geprägt? 

Irem Gökçen: Schon während unseres Schauspielstudiums in Graz haben wir eigene Texte geschrieben und Szenen inszeniert. Das entspricht dem Ansatz der Grazer Schule und hat uns unglaublich gefallen. Im Berufsleben war dieser Gestaltungsspielraum natürlich begrenzter. Aber der Drang, selbst zu kreieren und weiterzuschreiben, ist geblieben.

Dein Kurzfilmdebüt Viktor hat einen unglaublichen Sog, der auch stark durch das Drehbuch und das Schauspiel entsteht. Du hast das Drehbuch und die Regie gemeinsam mit Aron Eichhorn entwickelt und ihr habt auch die beiden Hauptrollen selbst übernommen. Wie wichtig ist für dich dieser Austausch und kann man erneut auf einen Gastauftritt von dir im Film hoffen?  

Irem Gökçen: Viktor war ein Sprung ins kalte Wasser. Wir wollten einen Film drehen und diese Geschichte erzählen und das war komplett “learning by doing”. Seitdem haben wir einen zweiten Kurzfilm gedreht, an vielen anderen Filmprojekten gearbeitet und dabei unterschiedliche Positionen und Aufgaben übernommen.

Filmstill aus "Viktor" (2025, 20 min) der bei der Diagonale 2025 seine Premiere feierte.

Wir lernen weiter und entdecken weiter und versuchen die gleiche Naivität wie bei Viktor zu behalten und uns selbst von Erwartungen frei zu machen.

Das Schauspiel bleibt für mich allerdings weiterhin mein Hauptweg - natürlich möchte ich damit nicht aufhören. Bei Die Premiere ist es aber ganz bewusst nicht geplant, selbst vor der Kamera zu stehen. Ich möchte mich hier ganz auf das Schreiben und die Regie konzentrieren. 

Was ist die größte Herausforderung bei der Entwicklung des Drehbuchs und was macht dir dabei am meisten Spaß?  

Irem Gökçen: Es macht unglaublich Spaß, an dieser Idee und dem Stoff zu arbeiten und durchgehend Inputs von außen zu bekommen. Daher ist der Stoff im ständigen Wandel. Gleichzeitig ist das auch die größte Herausforderung, und man braucht manchmal eine starke Überzeugung von dem, was man erzählen möchte.  

Hast du bei der Entwicklung des Drehbuchs bereits bestimmte Personen oder Schauspieler:innen für die Figuren im Kopf, vielleicht auch dich selbst? Wie beeinflusst dich das beim Schreiben?

Irem Gökçen: Ja, die Figuren entstehen meistens aus echten Menschen, die wir kennen, oder aus einer Mischung verschiedener Menschen. 

Gerade bei den Eltern sehe ich viele türkische Eltern, die ich kenne. Ich glaube, dass auch viele meiner Freund:innen aus der Türkei in ihnen teilweise ihre eigenen Eltern wiedererkennen werden. 

Über die konkrete Besetzung denken wir aber noch nicht nach. An dem Punkt sind wir mit dem Stoff noch nicht. 

Du beschreibst Sprache in deiner Arbeit als eine Art Fluchtweg und möchtest in deinem neuen Film mit den drei Sprachen experimentieren, die du selbst fließend sprichst. Kannst du uns hier bereits einen Einblick geben, wie du das umsetzt?

Irem Gökçen: Wir arbeiten gerne mehrsprachig - auch am Set. 

Es ist das Schönste, wenn internationale Filmemacher:innen zusammenkommen und voneinander lernen.  

Ich möchte, dass Sprache in unserem Film nicht einfach nur Mittel zur Verständigung ist, sondern ein lebendiges dramaturgisches Element. Sprache kann Geheimnisse tragen, Missverständnisse erzeugen und Menschen voneinander ausschließen. 

Es entsteht eine Sprachkulisse aus verschiedenen Sprachen: In einem Streit zwischen fünf Figuren wechselt man plötzlich vom Deutschen ins Englische und dann ins Türkische. 

Dabei beherrscht keine Figur alle drei Sprachen. Dadurch ist immer jemand zumindest teilweise ausgeschlossen – und genau daraus entstehen Konflikte, aber auch ein gewisses komisches Potenzial. 

Die Regisseur:innen Irem Gökçen (links) und Aron Eichhorn (rechts) haben in "Victor" auch selbst die Hauprollen übernommen.

Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill

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