Portraits & Interviews
September 2026
Lilith Kraxner | BMWKMS Startstipendiatin 2026
.
„Mir ist es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, in dem ich selbst überrascht werden kann.”
“Es ist aufregend, gemeinsam Welten zu imaginieren.”
Lilith Kraxner, 1995 geboren, studierte an der Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film und an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Dorit Margreiter Choy. Lilith arbeitet mit Alltagsbeobachtungen die sie in Film- und Textarbeiten einfließen lässt. Gemeinsam mit Milena Czernovsky entwickelte sie die Spielfilme Beatrix (2021) und bluish (2024), für die sie unter anderem Drehbuch, Schnitt, Szenenbild und Regie übernahm. Beide Filme wurden international gezeigt und vielfach ausgezeichnet. Für das Startstipendium 2026 arbeitet Lilith erstmals allein an Drehbuch und Regie ihres Spielfilmprojekts Performing Rehearsal (Arbeitstitel), der eine Gruppe von Performer:innen in einem Probenprozess begleitet.
Du hast zunächst an der Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film und anschließend an der Akademie der bildenden Künste Wien Kunst und Zeit/Video studiert. Wie hat sich dein Zugang zum Filmemachen während dieser Zeit entwickelt und was hat dich am Medium Film besonders interessiert?
Lilith Kraxner: Die Schule Friedl Kubelka war sehr prägend für mich. Die Workshopformate mit verschiedenen Filmkünstler:innen sind sehr precious, weil man in einem sehr intimen Setting so unterschiedliche Praxen kennenlernt und sich so frei ausprobieren kann. Der Fokus liegt auf dem Machen und nicht auf dem Zeigen. In dieser Zeit habe ich viel auf 16mm gedreht und mir die Kamera technisch angeeignet, das war wichtig, auch wenn ich mittlerweile kaum selbst filme. An der Kubelka habe ich außerdem Antonia de la Luz Kašik kennengelernt. Mit Antonia arbeite ich seitdem für Bildgestaltung zusammen, auch für das neue Projekt. Durch die geteilten Erfahrungen und Referenzen fühlt sich unsere Zusammenarbeit sehr intuitiv an.
An der Akademie hatte ich sehr viele Freiräume, um an meinen eigenen Projekten zu arbeiten und meine Praxis zu vertiefen. Während dieser Zeit habe ich gemeinsam mit Milena Czernovsky zuerst an Beatrix und dann an bluish gearbeitet.
Am Medium Film hat mich immer die Unmittelbarkeit im Moment des Drehens interessiert. Das ist ein Gefühl, das ich trotz viel Vorplanung und langer Finanzierungswege noch immer versuche zu rekonstruieren. Mir ist es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, in dem ich selbst überrascht werden kann. Analoges Filmmaterial hilft dabei, weil die begrenzte Wiederholbarkeit mich zwingt, im Moment präsent zu sein.
Dein bisheriges Filmschaffen ist stark von der Zusammenarbeit mit Milena Czernovsky geprägt. Ihr habt Beatrix und bluish gemeinsam entwickelt und dabei unter anderem Drehbuch, Montage, Szenenbild und Regie geteilt. Wie wichtig ist für dich diese Form des kollektiven Arbeitens und wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit konkret?
Lilith Kraxner: Diese gemeinsame Arbeitsweise mit Milena war und ist mir sehr wichtig. Ausgehend von einer langjährigen Freund:innenschaft und großem gegenseitigen Vertrauen, sind wir in einen intensiven künstlerischen Dialog gegangen, aus dem unter anderem unsere zwei Filme entstanden sind. Wir haben uns voreinander verletzlich gemacht und sehr viele von den Dingen, die uns alltäglich beschäftigen, gemeinsam filmisch verarbeitet, eine gemeinsame Sprache gefunden. Unsere Zusammenarbeit war oft sehr spielerisch und ich glaube wir haben viel voneinander gelernt. Autor:innenschaft ist dabei im Prozess zwischen uns entstanden und hat sich immer wieder verschoben, manchmal gefühlt verselbstständigt. Es ist aufregend, gemeinsam Welten zu imaginieren.
Den Trailer zu Beatrix findet ihr hier.
Mit Performing Rehearsal arbeitest du erstmals alleine an Drehbuch und Regie. Was bedeutet dieser Schritt für dich und was möchtest du durch diese neue Arbeitsweise ausprobieren?
Lilith Kraxner: Alleine zu schreiben ist beängstigend, aber auch sehr aufregend. Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst und ich bin viel unmittelbarer mit meinen eigenen Entscheidungen, Unsicherheiten und Vorstellungen konfrontiert. Ich brauche andere Tools und Herangehensweisen, um ins Arbeiten zu kommen und bin zwischendurch auch viel am Prokrastinieren.
Aber ich bin ja auch nicht ganz allein. Saskia Arth, meine Produzentin, begleitet mich seit Beginn des Schreibprozesses und hält mir die Hand, zumindest emotional. Außerdem werde ich dramaturgisch von Claire Lefèvre und Sarah* Claire Wray begleitet. Ich freue mich über diese neuen Kollaborationen und bin gespannt, wohin sich der Prozess entwickelt.
Worum geht es in deinem neuen Langspielfilm Performing Rehearsal und wie kann man sich den Probenprozess vorstellen, der im Zentrum des Films steht?
Lilith Kraxner: In Performing Rehearsal kommt eine Gruppe von Performer:innen zusammen, um gemeinsam an einer musicalähnlichen Performance zu arbeiten. Der Film eignet sich dabei das Genre des Tanzfilms an und spielt mit aufgeladenen Bildern und Referenzen, die in einer subtilen Verschiebung von Blick- und Begehrens-Achsen neu lesbar werden. Mich interessiert dabei vor allem der Probenprozess als geteilter Alltag und als Raum, in dem sich kreative und zwischenmenschliche Dynamiken entfalten. Ich erzähle von diesem Prozess vor allem über kleine Momenten und Details – ein Loch im Socken, ein Blick in den Spiegel, vergessener Text, gerötete Wangen, ein verschwitztes Shirt, Regelschmerzen, ein heimlicher Crush, mitgebrachte Hunde und Kinder, Kostümproben, gemeinsame Mittagspausen, Tränen und Erschöpfung. Der Proberaum verdichtet sich zu einem Mikrokosmos, in dem Fragen kollektiver Arbeit, queeren Begehrens und Care verhandelt werden.
In Performing Rehearsal verschwimmen die Realität des Probenprozesses und die Musical-Ebene zunehmend miteinander. Was interessiert dich an diesem Wechsel zwischen Alltag und Inszenierung und daran, was durch die fiktionale Ebene sichtbar oder möglich wird?
Lilith Kraxner: Mich interessiert das Spannungsverhältnis zwischen einem unprätentiösen Arbeitsprozess und der inszenierten Oberfläche, die am Ende sichtbar bleibt oder nach außen dringt. Während solche Prozesse oft von Wiederholungen, Pausen, Ausverhandlungen, Unsicherheiten und Anstrengung geprägt sind, soll das fertige Werk diese Bedingungen im besten Fall unsichtbar machen und eine in sich geschlossene Welt erzeugen. Gerade in dieser Diskrepanz liegt für mich viel Humor und auch ein bisschen Selbstironie, weil es mich amüsiert, wie existenziell sich für mich künstlerische Entscheidungen im Prozess manchmal anfühlen können.
Die fiktionale Ebene eröffnet mir außerdem einen Spielraum, in dem ich mit Musik, Licht und Kostüm auf eine Weise arbeiten kann, die ich mir sonst vielleicht nicht erlauben würde. Darauf habe ich Lust.
In deinen Filmen richtest du den Blick immer wieder auf kleine Momente abseits großer Gesten. Auch in Performing Rehearsal spielen alltägliche Beobachtungen wie ein Loch im Socken, ein vergessener Text oder ein heimlicher Crush eine Rolle. Was interessiert dich an diesen scheinbar nebensächlichen Momenten?
Lilith Kraxner: Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, wie ich wahrnehme und denke. Für mich sind kleine Details und Momente prägnanter als große Zusammenhänge, bzw. erschließen sich für mich größere Zusammenhänge genau über solche Details. Oft weiß ich schon am Anfang eines Schreibprozesses welche Szenen und Details ich im Film haben möchte, aber noch nicht so genau, worum es übergeordnet geht, das erschließt sich mir manchmal erst im Prozess.
Den Trailer zu bluish findet ihr hier.
Welche Filme kommen dem am nächsten, wie du selbst Filme machen möchtest? Gibt es Vorbilder im Film, im Tanz oder im Musical, die dich für Performing Rehearsal besonders inspirieren?
Lilith Kraxner: Gerade mag ich besonders Filme, die in irgendeiner Form das Machen selbst reflektieren. Ich denke an The Watermelon Woman (1996) von Cheryl Dunye, Two Times João Liberada (2025) von Paula Tomás Marques , Magic Farm (2025) von Amalia Ulman, The Happiest Girl in the World (2009) von Radu Jude oder auch Serien wie Twenties (2020) von Lena Waithe.
Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill
Das könnte dich auch interessieren:
Nach Oben