Spotlights

Cinema Next Series

Interviews

Portraits

Sichtweisen

Kinostarts

Sichtweisen

April 2025

.

Brotlos(e) Leiden(schaft)

Josephine Ahnelt, Magdalena Steiner, März 2026

Beim diesjährigen Breakfast Club auf der Diagonale sprachen Filmschaffende und Branchenvertreter:innen über Nebeneinkünfte, finanzielle Unsicherheit, das Zuverdienstverbot zum Arbeitslosengeld und mögliche solidarische Gegenmodelle in der Filmbranche. Die folgenden Texte sind Beiträge von Josephine Ahnelt und Magdalena Steiner.

JOSEPHINE AHNELT
„Bis es umgesetzt ist, gilt: Gemeinschaften bilden und sich gegenseitig mit Wissen und Ressourcen unterstützen.“

Josephine Ahnelt ist Regisseurin und Autorin. Seit 2012 produziert sie regelmäßig Kurzfilme. Ihr erster Langfilm Wellen Wende ist für 2026 angekündigt und beschäftigt sich mit dem ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes sowie den physischen, psychischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die damit einhergehen.

>>

Während meiner Ausbildung an drei unterschiedlichen Filminstitutionen wurde kaum über Geld gesprochen. Als herangehende Filmemacherin weiß man, dass es diesen Beruf der Regisseurin gibt, und projiziert weit in die Zukunft hinein: Wenn man irgendwann einmal erfolgreich genug ist, wird das mit dem Geld schon irgendwie klappen.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass das Geldverdienen in der Regiebranche meist „on the go“ und autodidaktisch erlernt wird, sehr unterschiedlich geregelt ist und stark von individuellen Hintergründen geprägt wird.

An der Friedl Kubelka Schule für künstlerische Photographie wurde der Null-Budget-Zugang zum Filmemachen als Rezept für Inspiration und Innovation gefeiert. Diese Haltung hat mich geprägt, und ich bin ihr sehr dankbar, da sie mir die Grundsicherheit geschenkt hat, dass interessante Umsetzungen nicht an Geld gebunden sind und es mir dadurch wahrscheinlich immer möglich sein wird, einen Film zu machen.

Auch wurde uns während meiner Zeit dort, von 2007 bis 2010, nahegelegt: Kunst sollte radikal und frei sein, und sobald Geld ins Spiel kommt, verändert das die eigene Herangehensweise. Bei der Durchführung eines Projekts sitzt einem dann die Gefälligkeit von Jurymitgliedern und Geldgebern im Kopf. Einen Brotjob abseits der Kunst zu haben und parallel dazu die künstlerischen Filmprojekte finanziell unabhängig und ohne jegliche Selbstzensur durchzuführen, wäre eine Alternative gewesen.

Ich habe diesen aus heutiger Sicht recht sinnvollen Rat damals nicht befolgt. Denn ich dachte: Wer zusätzlich zum Filmemachen einen Plan B hat, wird wahrscheinlich auch bei diesem bleiben.

2012 hat mir erstmals Kameramann und Produzent Johannes Hammel großzügigerweise beigebracht, wie man einen Filmförderungsantrag schreibt und kalkuliert. Diese Förderkalkulationen können sehr einschüchternd wirken, aber hat man sie einmal gelernt, merkt man, dass sie eigentlich recht unkompliziert sind und einem sogar dabei helfen, keine wichtige zu finanzierende Position auszulassen.

Seit 2012 produziere ich regelmäßig Kurzfilme und bin nebenbei aus finanziellen Gründen einer Vielzahl an Nebenjobs innerhalb und außerhalb der Filmbranche nachgegangen. 2021 habe ich mich dann dazu entschieden, noch einen weiteren, komplett unbezahlten Vollzeitjob anzunehmen: Mutterschaft.

Dieser neue „Beruf“ wurde auch zur thematischen Inspiration für meinen ersten Langfilm Wellen Wende (2026) – ein Film über das erste Jahr nach der Geburt des ersten Kindes sowie die physischen, psychischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die dies mit sich bringt.

Während der Finanzierung von Wellen Wende fiel eine der Förderstellen, auf die ich sehr gehofft hatte, weg. Da die Budgetierung für den Film sehr knapp bemessen war, musste ich die fehlenden 10.000 Euro irgendwo einsparen. Mein Team bezahle ich nach Kollektivvertrag. Das 16mm-Filmmaterial, für das ich ein Drehverhältnis von 1:5 geplant hatte, hatte einen Fixpreis. Nur eine größere Position war eine Pauschale und somit flexibel: die der Regie.

„Selbstausbeutung“ ist ein viel gebrauchtes Wort in der Filmbranche. „Um meinen Film zu machen, musste ich mich selbstausbeuten“ – das ist ein Satz, den ich schon mehrmals benutzt habe. Doch sind es statt dem Selbst oft vielmehr die finanziellen Umstände in diesem Berufsfeld, die es fast unmöglich erscheinen lassen, dies nicht zu tun.

Wenn die Arbeitsleistung von Filmemacher*innen von Kapitalgebern wie ein extrem zeitaufwendiges Hobby behandelt wird, dann ist Filmemachen auch nur für eine Gruppe von Menschen möglich, die es sich leisten können, so viel Zeit zu investieren, ohne dass dies finanziell ein zu großes Risiko darstellt.

Ich träume von einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle. Bis es jedoch umgesetzt ist, gilt: Gemeinschaften bilden und sich gegenseitig mit Wissen und Ressourcen unterstützen.

Ich freue mich sehr, dass ich 2025 dem Regisseurinnenverein solidarischer Filmemacherinnen beigetreten bin. Auch wenn man im gemeinsamen Austausch immer wieder daran erinnert wird, dass es viele individuelle Ansätze und keine universelle Strategie für finanzielle Sicherheit im Filmemachen gibt, ist es doch heilsam zu wissen, dass wir in dieser Auseinandersetzung mit dem Ungewissen nicht allein sind.

<<

MAGDALENA STEINER
„Gibt es aber keine finanzielle, so gibt es auch keine künstlerische Freiheit.“

Magdalena Steiner studiert seit 2020 Drehbuch und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Fragen von Produktionsrealitäten, künstlerischer Freiheit und strukturellen Bedingungen des Schreibens für Film.

>>

Als ich 2020 anfing, Drehbuch zu studieren, wurde mir schnell klar, dass es für jemanden, der so schreibt wie ich – langsam und zuerst einmal mit sehr viel Nachdenken verbunden –, nie möglich sein würde, allein vom Drehbuchschreiben zu leben. Die finanziellen Möglichkeiten sind überschaubar. Verkürzt gesagt: Entweder man schreibt fürs Fernsehen, was meistens heißt: Krimis, oder man hofft auf Stipendien, Drehbuchpreise und Förderungen.

Letzteren gehen meist Monate unbezahlter Arbeit voraus – ohne Garantie auf Erfolg, also in dem Fall: Geld. Ein paar finden den Weg in die Writers’ Rooms der Streaminganbieter, müssen dort aber auf Knopfdruck und meist kreativ untergeordnet funktionieren.

Ein möglicher Weg für mich, mit dieser Berufsrealität umzugehen, war, zu überlegen, welche anderen Bereiche beim Film mich noch interessieren. Während der Grundausbildung an der Filmakademie wurde ich zu einer Art „Jack of all trades, master of some“. Ich habe angefangen, als Casterin und Schnittassistentin zu arbeiten, und schnell gemerkt, dass dort viel öfter dringend Leute gesucht werden. Sich verschiedene Fähigkeiten anzueignen, eröffnet mehrere berufliche Möglichkeiten – und damit auch ein Stück Sicherheit.

Die andere Möglichkeit ist aber, das System Filmbranche und -ausbildung als Ganzes zu hinterfragen. Ist das wirklich die Art, wie wir Filme produzieren und fördern wollen?

Wenn wir übers Filmschaffen reden wollen, stellt sich zunächst zwingend die Frage: Wer kann überhaupt Filme machen? Wer sind die Leute, die auf Filmuniversitäten studieren können? Oft sind es jene mit einem finanziellen Hintergrund, der es erlaubt, Zeiten ohne regelmäßiges Einkommen zu überbrücken, den Studienfortschritt über existenzielle Sorgen zu stellen oder Herzensprojekte zu verfolgen, statt Jobs anzunehmen, die schlicht das Börserl wieder auffüllen.

Und die für mich eigentlich entscheidende Frage lautet: Wie kann man – speziell als Drehbuchautor*in – im künstlerischen Schaffen wirklich frei sein, wenn man permanent unter produktivem Druck steht?

Ein wesentlicher Teil kreativer Arbeit ist doch auch das Suchen – nach Themen, nach anderen Perspektiven, nach neuen Formen – und das Sich-mit-der-Welt-Beschäftigen, vielleicht sogar Langeweile. Aber wer kann es sich leisten, einen Monat lang einfach mal nach Ideen zu suchen? Oder einen Stoff über mehrere Monate hinweg in Ruhe zu entwickeln?

Emotionale Entwicklung, in der Tiefe über etwas nachdenken und künstlerische Recherche lassen sich schwer in ihrem Wert quantifizieren und entsprechen somit nicht unserer gesellschaftlichen Vorstellung von Leistung. Sie werden also selten bezahlt. Die wenigen Stipendien und Förderungen, die es dafür gibt, decken den tatsächlichen Bedarf natürlich nicht ab. Gibt es aber keine finanzielle, so gibt es auch keine künstlerische Freiheit.

Wie also ein System erschaffen, in dem wirklich freies Filmschaffen ermöglicht werden kann? Ich persönlich fühle mich überfordert und ratlos angesichts so großer Fragen. Aber es gibt immer eine Person, die sich dieselben Fragen auch schon gestellt hat, die mehr Erfahrung und Wissen hat, die schon länger kämpft und die vielleicht auf mehr Ideen gekommen ist.

In Dänemark und Norwegen gibt es beispielsweise eine Art lebenslanges Stipendium für Künstler*innen. Zwar nur für wenige, dafür mit garantierter finanzieller Sicherheit über ein ganzes Leben hinweg, was ein hauptberufliches und stetiges künstlerisches Schaffen ermöglicht. So ein Modell ließe sich sicherlich auch in Österreich erschaffen. Aber warum sich nicht gleich für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle einsetzen?

Man muss das Rad nicht neu erfinden – man kann sich einem Verein, Bündnis oder irgendeiner Art von organisierter Struktur anschließen, die sich für ähnliche politische Forderungen einsetzt, wie man sie selbst schon länger mit sich herumträgt.

In diesem Sinne: Lasst uns Arbeit und Produktivität anders denken. Ein Systemwandel muss keine utopische Fantasie sein, Veränderung ist möglich. Lernen wir voneinander, tauschen wir Ideen aus, organisieren wir uns!

<<

Das könnte dich auch interessieren:

Humoristisches Erzählen im Film
April 2025
Ich bin auch Volkskultur
April 2025
Erzählen im Dokumentarfilm
April 2024
KI und Künstlerinnenintelligenz
April 2024
„Ich hatte die Chance, ‚meinen‘ Film zu drehen“
April 2023
(Alb-)Traum Debütfilm
April 2023
„Der kurze Film zählt meistens nicht“
March 2023
Arbeiten fürs Fernsehen
September 2022
Auf der Suche nach der Chance
September 2022
„Ich kann nur empfehlen, offen für diesen kreativen Prozess zu sein“
September 2022

Nach Oben