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January 2026

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Astrid Rothaug | BMWKMS Startstipendiatin 2025

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„Was mich sofort fasziniert hat, ist das Eigenleben, das ein animierter Charakter annehmen kann”
oder
“Ich versuche immer, die Dinge auf den Punkt zu bringen und gleichzeitig plakative Ergebnisse zu vermeiden”

Astrid Rothaug, 1996 in Wien geboren, studierte Grafik und Druckgrafik an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Während des und nach dem Studium absolvierte sie Kurse und Stipendien in Animation und Malerei, textet und illustriert Bücher und realisiert Kurzanimationsfilme, die international gezeigt und ausgezeichnet wurden. Ihr aktuellster Film, Challenges of a solitary mind (2025, 3 min) wird von sixpackfilm vertreten und befindet sich in internationaler Festivalauswertung. Für das Startstipendium 2025 hat sich Astrid mit dem Animationsfilmprojekt Zeitkapsel beworben, das von der kleinen Emilie erzählt, die in einer Geisterwelt lernt, wie sie ihre verstorbenen Eltern loslassen kann.

Wann bist du auf deinem Ausbildungsweg zum ersten Mal mit Animation in Berührung gekommen und was hat dich daran interessiert?

Astrid Rothaug: Ich habe auf der Angewandten Druckgrafik studiert, aber immer wieder auch Kurse in der Abteilung für Malerei und Animationsfilm besucht. Dort habe ich an einem Projekt gearbeitet, bei dem ich Multi-Plane-Stopmotion-Animation kennengelernt habe. Ich habe also die Figuren und Szenen meines Films einzeln ausgeschnitten, auf unterschiedlichen Glasplatten platziert und animiert. Das war unglaublich zeitintensiv, aber auch eine sehr wertvolle Erfahrung, die mir gezeigt hat, mit wie viel Mühe Animation verbunden sein kann. Was mich sofort fasziniert hat, ist das Eigenleben, das ein animierter Charakter annehmen kann. Man plant etwas und dann ist es doch immer ein bisschen anders – eigen eben – das finde ich schön und erfrischend.

Du textest, malst und animierst. Sind das für dich verschiedene künstlerische Tätigkeiten oder wie stehen sie für dich in Verbindung?

Astrid Rothaug: Für mich stehen alle künstlerischen Bereiche gewissermaßen in Verbindung. Sei es im Texten, im Malen oder Animieren – ich möchte immer Geschichten erzählen. Es ist lediglich abhängig vom jeweiligen Medium, auf welche Weise ich das tue. Und auch darüber hinaus haben die Kunstformen viel gemeinsam. Sowohl die Animation als auch das Schreiben setzen voraus, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert und das Publikum nicht bevormundet oder unterfordert, indem man ihm eigenen Denkraum überlässt. Auch in der Malerei und Zeichnung ist der Negativ-Raum essenziell. Ich versuche immer, die Dinge auf den Punkt zu bringen und gleichzeitig plakative Ergebnisse zu vermeiden. Das ist womöglich auch der Grund dafür, dass es für mich schwierig sein kann, einfach ein spontanes, belangloses Bild zu malen. Ich baue meine Arbeiten immer auf Erzählungen auf. Die Leichtigkeit eines Motivs ohne Hintergedanken oder ohne tiefer zugrunde liegender Emotion stellt dann manchmal eine Herausforderung dar. 

In einer Serie an Malereien habe ich mich zum Beispiel mit meinem Elternhaus und dem damit verbundenen kollektiven Erinnerungsraum beschäftigt und in diesem Rahmen auch einen Katalog mit Texten zu den Bildern produziert, Erinnerungen eines Hauses. In dem Katalog sind Fotografien des Fotografen Wolfgang Bohusch zu sehen, der die Malereien in meinem Elternhaus inszeniert hat – Bilder in Bildern. 

In meiner aktuellsten Reihe an Malereien geht es um Menschenmassen und damit assoziierte Empfindungen. Ich interessiere mich für dieses Thema seit der Pandemie, also seit etwa 2020, als sich für mich, so wie für viele Andere, die Empfindung von Menschengruppen und Menschenmassen völlig verändert hat. Diese Wahrnehmung hat mich bis heute geprägt und dazu veranlasst, mehr zu erforschen, was Gruppen und Ansammlungen emotional bedeuten können und inwiefern sie die Grenzbereiche zwischen Miteinander und Gegeneinander reflektieren.

Worum geht es im Animationsfilmprojekt, mit dem du dich für das Startstipendium beworben hast?

Astrid Rothaug: Mein Projekt erzählt von einem Mädchen, Emilie, die zu ihrer Tante, Lola, zieht, nachdem sie beide Eltern verloren hat. Lola versucht sie zu motivieren, wieder aktiv am Leben teilzuhaben, aber Emilie zieht sich in sich selbst und ihre Erinnerungen zurück – Erinnerungen wie das gemeinsame Modellbootbauen mit ihrem Vater zum Beispiel, was ihr immer besondere Freude bereitet hat. Eines Nachts beginnt in einer der Umzugskartons das allererste Miniaturboot zu leuchten, das Emilie mit ihrem Vater gebaut hat. So geraten Emilie, Lola und Lolas Hund Hugo in eine wundersame Parallelwelt, die Zeitkapsel. Begleitet vom unendlich alten Kapitän Mo und dem Geist Kater „Käpt’n“ machen sie sich auf die Reise durch diese Dimension, um wieder zurück ins Leben zu finden. Auf ihrem Weg müssen sie mehrere Herausforderungen bewältigen, darunter ein magisches Labyrinth. Emilie erfährt, dass Geister in dieser Welt wandeln und ist fest entschlossen, ihre Eltern zu finden. Ihre Eltern ziehen zu lassen und zurück nach Hause zu kehren ist am Ende Emilies schwierige Aufgabe.

Du hast bisher Kurzfilme realisiert, „Zeitkapsel“ soll ein abendfüllender Animationsfilm werden. Kenner:innen wissen: Animationsfilm ist immer eine aufwändige (und teure) Kunstform. Was sind derzeit für dich die großen Herausforderungen beim Projekt?

Astrid Rothaug: Ich habe die Geschichte bereits grob in Drehbuchform ausgearbeitet. Jetzt bin ich dabei, die Charaktere zu überarbeiten. Ich denke, dass darin für mich auch die größte Herausforderung liegt, da das Thema „Trauer“ ein sehr komplexes ist und ich in meiner Erzählung behutsam sein möchte. Es ist mir sehr wichtig, die richtigen Impulse sensibel zu setzen, das erfordert in diesem Fall mehr Zeit und Überlegung, sowie auch Recherche, als bei bisherigen Projekten. Es ist auch schwieriger, den Spannungsbogen zu gestalten – eine Herausforderung, die sich mir bei meinen bisherigen Projekten nie so präsentiert hat wie bei diesem. In diesem Sinne lerne ich auch viel über Planung und Struktur beim Schreiben.

Du planst den Film als 3D-Animationsfilm. Bisher hast du ausschließlich in 2D animiert. Was bedeuten für dich und deine Arbeit diese technischen Unterschiede?

Astrid Rothaug: Ich absolviere derzeit eine eineinhalbjährige Intensivausbildung im Bereich Special Effects und 3D-Animation bei PixlVisn. Daher kam auch die Idee auf, den Film im Bereich 3D-Animation umzusetzen. Hinsichtlich der Animation beruhen sowohl 3D- als auch 2D-Animation auf denselben 12 Grundlagen der Animation (Squash and Stretch, Anticipation, Arcs, etc.) Allerdings erfordert 3D-Animation auch andere Bereiche wie beispielsweise Modeling, Compositing oder Texturing. Diese Techniken sind mir neu und aktuell noch eine große Herausforderung. Ich denke aber, dass sich mit dem richtigen Team durch 3D-Animation viele Möglichkeiten ergeben, die mir bei meiner Arbeit im 2D-Bereich zuvor gar nicht bewusst waren. Darauf freue ich mich.

Filmstill aus "Challenges of a solitary mind" (2025, 3 Min.), der von eine introvertierte Person handelt, die an sozialen Erwartungen scheitert und sich in die schützende Ruhe des Rückzugs zurückzieht.

Welche Filme kommen dem am nächsten, wie du Filme machen möchtest? Gibt es Vorbilder im Animationsbereich, die dich inspirieren?

Astrid Rothaug: Ich habe mich immer schon für komplexe Kinderfilme interessiert, die ein breites Publikum ansprechen. Hayao Miyazaki ist schon seit langer Zeit ein großes Vorbild für mich, der mich mit seinen tiefgründig gestalteten Charakteren und fantastischen Erzählungen unglaublich beeindruckt. Im Bereich 3D-Animation liebe ich den Film Oben oder auch die Geschichte Rise of the Guardians.

Webseite Astrid Rothaug

Portraitfoto © Cinema Next | Brisilda Bufi

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