Portraits
January 2026
Lisa Polster | BMWKMS Startstipendiatin 2025
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„Die Form eines Films sollte sich seinem Inhalt unterordnen“
Lisa Polster, 1996 in Korneuburg geboren, maturierte an der Graphischen in Wien und studierte Drehbuch/Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Nach einigen narrativen Kurzfilmen realisierte sie 2025 den langen Dokumentarfilm Bürglkopf, der am Ji.hlava International Documentary Film Festival und auf der Diagonale in Graz als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Lisa war zuvor lange in der Sozialarbeit tätig. Für das Startstipendium 2025 hat sie sich mit dem Spielfilmprojekt Nachtschicht beworben, über eine Babysitterin, die das Kind einer reichen Familie entführt.
Nach der Matura an der Graphischen in Wien im Ausbildungszweig Multimedia hast du dich entschieden, zuerst in Köln und dann in Potsdam weiter zu studieren. Wie kam es zur Auswahl dieser Orte?
Lisa Polster: Für die Orte hab ich mich nicht gezielt entschieden. Ich wusste schon in der Schule, dass ich Filme machen möchte, aber wusste lange nicht, wie. Ich hatte keinen Zugang zur Branche. Als ich an der Filmakademie Wien abgelehnt wurde, sah ich es als einzige Option, für das Filmstudium nach Deutschland zu gehen. Ich wurde zuerst in Köln aufgenommen, hatte aber zu dem Zeitpunkt nicht ausreichend Wissen über die unterschiedlichen Filmhochschulen und deren Ausrichtung. Ich merkte schnell, dass es nicht der richtige Ort für mich und meine Projekte war. 2020 habe ich deshalb an die Filmuniversität Babelsberg gewechselt und bin nach Berlin gezogen. Das war die richtige Entscheidung.
Deine Filmografie listet vor allem narrative Arbeiten. Deine erste dokumentarische Arbeit, „Bürglkopf“ sorgte gleich für großes Aufsehen. War der Dokumentarfilm schon immer Teil deines Tuns und hat dich diese große Aufmerksamkeit überrascht?
Lisa Polster: Dokumentarfilm hatte ich lange Zeit nicht am Radar, weil ich durch narrativen Film an das Medium herangeführt wurde. Ich habe Drehbuch studiert, weil ich das zuerst lernen wollte, bevor ich mich an das Inszenieren wage. Im Studium hab ich mich dann zunehmend auch für Dokumentarfilm und hybride Formen interessiert. Dokfilm war für mich ein niederschwelliger Einstieg in die Regie-Arbeit, da Spielfilm viel aufwändiger und teurer zu drehen ist. Bei Bürglkopf haben wir einfach drauf los gedreht. Der Film war aber auch ein Resultat meiner Zeit als Sozialbetreuerin im Asyl-Bereich und meines Aktivismus. Für das Thema war die dokumentarische Form die einzig Richtige.
Dass der Film auf Festivals lief, hat mich sehr gefreut, weil es ein wirklich kleines Low Budget Projekt ist. Von „großer Aufmerksamkeit“ würde ich aber nicht sprechen. Politischer Dokfilm hat’s im Kino leider schwer. Ich bin trotzdem sehr glücklich, dass der Film von einigen Menschen gesehen wurde und das Thema dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.
Der Film ist außerdem auf Kino VOD Club innerhalb Österreichs streambar. Mehr Informationen findet ihr > hier.
Du nimmst auch am Talent LAB des ÖFI / FFW mit einem dokumentarischen Projekt teil. Für das Startstipendium hast du dich mit einem Spielfilmprojekt beworben. Deine Filmografie listet auch weitere narrative Langfilmprojekte (für die du auch schon ausgezeichnet wurdest: Wettbewerbe „scriptLAB“ und „If she can see it, she can be it“ vom Drehbuchforum Wien oder ein ÖFI-gefördertes Buch gemeinsam mit Arman T. Riahi). Das klingt nach vielen Ideen und viel Schreib- und Konzeptarbeit. Wo „beißt“ du an? Wo bleibst du warum dran?
Lisa Polster: Wenn mich der Stoff und die Figuren berühren, bleib ich dran. Das kann ein Spiel-, oder Dokumentarfilm sein und alles dazwischen. Ich hab aber auch total Lust mal ein Musikvideo zu drehen oder eine Videoinstallation. Die Form eines Films sollte sich seinem Inhalt unterordnen. Mich interessieren vor allem systemkritische Narrative, besondere zwischenmenschliche Beziehungen und dreidimensionale Figuren, die nicht einfach in gut oder böse unterteilt werden können. Im letzten Jahr habe ich bemerkt, dass ich mich vor allem zu Gespenstern im Film hingezogen fühle. Damit meine ich nicht Geister wie aus Ghostbusters, sondern Figuren, die sich zwischen mehreren Welten bewegen. Die man nicht klar kategorisieren kann, die auf der Suche sind und nicht ankommen. Das kann eine Person sein, die z.B. in der Gesellschaft unsichtbar gemacht wird, wie in meinem neuen Dokfilm Security, oder die Protagonistin in meinem Drehbuch Nachtschicht, die als Entführerin durch die Stadt geistert in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Das Dazwischen interessiert mich sehr.
Worum geht es im geplanten Spielfilmprojekt „Nachtschicht“, mit dem du dich für das Startstipendium beworben hast?
Lisa Polster: In Nachtschicht geht es um Toni, eine junge Punk-Sängerin die sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser hält, aber genau weiß, dass sie damit nie finanzielle Sicherheit erlangen wird. Deshalb entscheidet sie sich dazu, den achtjährigen Josef, den sie babysittet, zu entführen und dessen reichen Vater um Geld zu erpressen. Im Film nähern sich Toni und der Junge aber auch an, bis er sie sogar in seiner eigenen Entführung unterstützt. Denn auch er gewinnt etwas dadurch, nämlich ein Abenteuer durch den Ausbruch aus dem goldenen Käfig. Obwohl ihre soziale Klasse die beiden voneinander trennt – er ist Millionärserbe und sie Anti-Establishment-Punk – finden sie Ebenen, auf denen sie sich begegnen können.
In welchem Stadium befindet sich das Projekt aktuell und was sind derzeit die großen Herausforderungen?
Lisa Polster: Ich schreibe gerade das Treatment für den langen Spielfilm. Da ich große Lust habe, bereits bald etwas zu inszenieren um den Figuren näher zu kommen, habe ich auch ein Drehbuch für einen Kurzfilm geschrieben mit dem selben Ensemble. Der Kurzfilm ist bereits gefördert und wird bald gedreht. Die Hauptrolle Toni wird von einer Laiendarstellerin gespielt, die in manchen Aspekten der Rolle ähnelt. Sie ist auch Sängerin einer Punkband.
Die größte Herausforderung ist aber definitiv, das Drehbuch für den Langfilm zu schreiben. Anders als der Kurzfilm muss sich der Langfilm mehr in der Tiefe mit der Psychologie und den Beweggründen der Protagonistin beschäftigen.
Welche Filme kommen dem am nächsten, wie du Filme machen möchtest?
Lisa Polster: Die Dardenne Brüder haben mich sehr geprägt, genau so wie die Dogma 95 Filme, z.B. Das Fest von Thomas Vinterberg und die frühen Christian Petzold Filme (z.B. Yella). Ich liebe aber auch die Filme von Asghar Farhadi, Radu Jude und Alice Diop. Zuletzt hat mich The Five Devils von Léa Mysius sehr inspiriert. Wie ich Filme machen werde, wird sich aber noch zeigen.
Portraitfoto © Cinema Next | Brisilda Bufi
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