Portraits
January 2026
Reza Rasouli | BMWKMS Startstipendiat 2025
.
„Geschichten in Bildern und Rhythmus zu erzählen, nah am Leben, aber mit diesem kleinen Moment von Zauber“
oder
„Perspektivwechsel, moralische Grauzonen, Tempo – und trotzdem Wärme für die Figuren“
oder
„Mich interessieren Figuren, die unter Druck geraten und trotzdem versuchen, ihre Würde zu behalten”
oder
“Viele meiner Figuren sind in Bewegung, weil Bewegung für mich ein innerer Zustand ist: Flucht, Suche, Unruhe, Hoffnung“
Reza Rasouli ist ein iranischer Filmemacher, Regisseur und Drehbuchautor. Seit 2019 lebt und arbeitet er in Wien. Er hat einen Bachelor in Regie und schließt derzeit sein Masterstudium an der Filmakademie Wien ab. In seinen Filmen beschäftigt er sich mit Familie, Migration und Zugehörigkeit und erzählt mit einer beobachtenden, zurückhaltenden Bildsprache. Seine Kurzfilme liefen auf internationalen Festivals wie Clermont-Ferrand und Palm Springs ShortFest und wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem First Steps Award. Aktuell arbeitet er an seinem ersten Spielfilm.
Auf deiner Webseite steht, dass du schon im Kindesalter mit Film und Theater in Berührung kamst. Was waren deine filmischen Anfänge und deine ersten Kontakte zum Kino?
Reza Rasouli: Mein erster richtiger Kontakt mit Kino war mit neun Jahren – bei einem Schulausflug. Als wir in den großen Saal kamen, bin ich als Erstes nach vorne zur Leinwand gerannt. Ich wollte sie anfassen, weil ich verstehen wollte, was das eigentlich ist. Zu Hause kannte ich nur den Fernseher. Hier aber war da erst mal nur ein großes weißes Tuch. Für einen Moment war ich sogar enttäuscht.
Dann sprang der Projektor an. Dieses Tuch begann zu flimmern, Licht fiel darauf – und plötzlich war alles anders. Der weiße Stoff füllte sich mit Bildern, Gesichtern, Geschichten. Für mich war das pure Magie: Etwas, das an sich „nichts“ ist, wird durch Licht zu einer ganzen Welt.
Und gleichzeitig hatte ich schon immer viele Geschichten im Kopf. Später kam das Theater dazu – dort habe ich gelernt, wie viel ein Körper im Raum erzählen kann: mit Blicken, Pausen, Stille. Irgendwann wurde mir klar: Genau das suche ich auch im Film – Geschichten in Bildern und Rhythmus zu erzählen, nah am Leben, aber mit diesem kleinen Moment von Zauber.
Du hast in Teheran studiert, wo du auch den bedeutenden iranischen Filmemacher (und mehrfachen Oscar-Preisträger) Asghar Farhadi kennenlernen konntest. Für einige Jahre warst du auch sein persönlicher Assistent. Ist Farhadi für dich Mentor und Vorbild?
Reza Rasouli: NEUE FRAGE & VISUAL
In deiner Bewerbung zum Startstipendium nennst du Farhadis „Nader und Simin – Eine Trennung“ (2011) als Inspiration für dein geplantes Spielfilmprojekt, mit dem du dich für das Startstipendium beworben hast. Welche anderen Filme kommen dem am nächsten, wie du Filme machen möchtest?
Reza Rasouli: Neben Farhadis Nader und Simin sind mir vor allem Ensemble-Filme nah, in denen viele Figuren gleichzeitig „recht“ haben – und trotzdem aneinander vorbeileben. Ich denke z.B. an Robert Altmans Short Cuts oder Paul Thomas Andersons Magnolia: mehrere Lebenslinien, kleine Entscheidungen, die sich gegenseitig auslösen, und ein Druck, der langsam größer wird. Auch Die Klasse (Entre les murs) von Laurent Cantet ist wichtig für mich, weil er Menschen nicht bewertet, sondern beobachtet – sehr nah, sehr echt. Und Spike Lees Do the Right Thing zeigt, wie eine Nachbarschaft als Ensemble erzählt werden kann: Humor und Alltag kippen Schritt für Schritt in Eskalation. Solche Filme sind für mich Vorbilder: Perspektivwechsel, moralische Grauzonen, Tempo – und trotzdem Wärme für die Figuren.
Worum geht es im geplanten Spielfilmprojekt „Wurzeln und Wind“?
Reza Rasouli: Wurzeln und Wind ist ein Film über Zugehörigkeit – und über den Moment, in dem ein Körper plötzlich zum politischen und familiären Schlachtfeld wird. Im Zentrum stehen zwei Jugendliche zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen Freiheit und den Erwartungen anderer. Die Kernfrage ist simpel und brutal: Wie findest du deine eigene Stimme, wenn alle meinen, über dich entscheiden zu dürfen? Ich starte bewusst mit Bildern, die wie Klischees wirken („muslimisches Mädchen / österreichischer Junge / konservative Familie“). Das ist nur die erste Schicht, der Einstieg. Der Film ist nicht dafür da, Schubladen zu bestätigen, sondern sie aufzubrechen: Rollen kippen, Hilfe wird Kontrolle, Liebe wird Angst. Aus einem vermeintlich „typischen“ Konflikt wird etwas Universelles: Selbstbestimmung, Scham, Loyalität, Klasse, Religion – und die Frage, wer welches Recht über wen hat. Formal ist es ein emotionaler Thriller: wenige Tage unter Hochdruck, kleine Entscheidungen, Nachrichten, Türen, Blicke. Die Kamera bleibt nah und beobachtet, statt zu urteilen. Es geht nicht um „ein Thema“, sondern um Menschen – und um den einen Moment, in dem jemand den Mut findet, nicht zu verschwinden.
In welchem Stadium befindet sich das Projekt aktuell und was sind derzeit die großen Herausforderungen?
Reza Rasouli: Aktuell ist Wurzeln und Wind in der Stoffentwicklung. Das Projekt war im Dezember beim Les Arcs Talent Village ausgewählt. Dort habe ich den Stoff weitergeschärft und einige Meetings mit Verleihern und Sales Agents geführt.
Im Moment liegt ein vollständiges Treatment vor, und damit habe ich bereits für Stoffentwicklung eingereicht. Der nächste Schritt ist klar: das Drehbuch.
Die größten Herausforderungen sind jetzt vor allem dramaturgisch und tonaler Natur: Ich muss die Balance zwischen mehreren Perspektiven halten, ohne zu urteilen und ohne in Klischees zu fallen. Gleichzeitig will ich die Dringlichkeit und den Druck der Geschichte spürbar machen – aber trotzdem Raum lassen für echte, leise Momente. Wichtig ist mir auch, den organischen Humor zu bewahren, der aus Situationen und Figuren entsteht, nicht aus Gags. Und ich arbeite daran, dass der Film trotz seiner Art-House-Haltung – in Form und Inhalt – zugänglich bleibt: Er soll emotional packen, ein breites Publikum erreichen und auch im Kino funktionieren.
Produzent des Projekts ist Mo Harawe, und wir planen, das Projekt noch dieses Jahr bei einem Talent Lab einzureichen. (Anm. Elli: Gemeint ist DAS Talent LAB? Würde es fast raus, oder? Oder gibt es mehrere, die da in Frage kommen, Dom?)
In deinen letzten Kurzfilmen sind deine Figuren ständig in Bewegung, wir erleben sie nahe und intensiv. Was interessiert dich an den Figuren, von denen du erzählst? Und welche filmische Form verfolgst du?
Reza Rasouli: Mich interessieren Figuren, die unter Druck geraten und trotzdem versuchen, ihre Würde zu behalten. Menschen, die sich widersprechen, Fehler machen, manchmal schweigen oder lügen – und genau dadurch echt sind. Viele meiner Figuren sind in Bewegung, weil Bewegung für mich ein innerer Zustand ist: Flucht, Suche, Unruhe, Hoffnung. Schon ein Weg durch eine Straße kann zeigen, was in jemandem passiert.
Filmisch arbeite ich nah und beobachtend. Die Kamera bleibt bei den Figuren, aber sie urteilt nicht. Mich interessieren Momente, in denen etwas kippt – oft ganz leise: ein Blick, eine kleine Geste, ein Satz zu viel oder zu wenig. Der Rhythmus entsteht aus Alltagsspannung: Telefonate, Türen, kurze Pausen, Entscheidungen im Vorbeigehen. Es soll sich nicht „erzählt“ anfühlen, sondern erlebt.
Nach sehr erfolgreichen Kurzfilmen widmest du dich jetzt der langen Form: Was machen für dich die großen Unterschiede aus zwischen der kurzen und langen Form?
Reza Rasouli: Für mich ist der größte Unterschied zwischen Kurz- und Langform: Verdichtung versus Atem. Im Kurzfilm musst du sehr schnell in die Welt springen und mit wenigen Mitteln viel Gefühl und Bedeutung erzeugen – jede Szene muss präzise sitzen. Die Langform erlaubt mir, Beziehungen aufzubauen, Figuren über Zeit zu begleiten und die Folgen von Entscheidungen wirklich zu zeigen. Da ist mehr Platz für Stille, für organischen Humor, für Zweifel und Widersprüche. Die große Aufgabe ist das Tempo: den Film so zu rhythmisieren, dass das Publikum gespannt bleibt, gleichzeitig aber genug Raum hat, emotional tiefer mit den Figuren zu gehen.
Und die Erfahrungen aus meinen Kurzfilmen waren für mich genau dafür eine bewusste Vorbereitung: Nähe zu den Figuren, Arbeit mit Zeitdruck, Szenenrhythmus – und das Finden des Tons zwischen Realität, Spannung und menschlichen Momenten.
Portraitfoto © Cinema Next | Brisilda Bufi
Das könnte dich auch interessieren:
Nach Oben