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January 2026

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Daniel Fill | BMWKMS Startstipendiat 2025

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„Die Orte prägen die Form der Filme, und diese unterscheidet sich von Film zu Film.“

Daniel Fill, geboren 1992 in Bruneck, studierte Bildende Kunst im Fachbereich Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Thomas Heise und Tizza Covi. Seit 2016 realisiert er Dokumentarfilme. Der aktuellste Film, „Durchgangsland“ (2024), Daniel Fills erster Langfilm, erhielt bei der Duisburger Filmwoche den ARTE-Dokumentarfilmpreis. Für das Startstipendium 2025 hat er sich mit dem Projekt “Amerika” beworben, ein Experimentalfilm, der den Wiener Speckgürtel als Kulisse nutzt, um mit Hilfe von Filmzitaten aus Hollywood den Mythos der Vorstadt zu hinterfragen.

Du hast an der Akademie der bildenden Künste unter Thomas Heise und Tizza Covi studiert. Beide haben sehr unterschiedliche Zugänge zum Dokumentarischen. Wie sehr hat dich dein Studium und auch die Lehrenden darin geprägt, wie du die Welt wahrnimmst?

Daniel Fill:
Ich glaube an Konflikt.
Sonst glaube ich an nichts.
Das versuche ich in meiner Arbeit zu tun: das
Bewußtsein für Konflikte zu stärken,
für Konfrontationen und Widersprüche. Einen
anderen Weg gibt es nicht.
Antworten und Lösungen interessieren mich nicht.

Das ist ein Zitat von Heiner Müller. Thomas Heise hat es ausgedruckt und auf seinen Schreibtisch in seinem Büro im Semperdepot gelegt. Das beschreibt meine Studienzeit bei Thomas eigentlich ziemlich gut.

Thomas hat sich immer viel Zeit genommen und seine Studierenden und ihre künstlerischen Arbeiten sehr ernst genommen. Wenn man sich auf Thomas einlassen wollte (und konnte), war er sehr großzügig. Ich konnte mich darauf verlassen, seine aufrichtige Meinung, ausführlichst, aber ungeschönt und ungefiltert entgegengebracht zu bekommen. Das war sehr wertvoll. Bei Tizza war es ähnlich. Die Zugänge von Thomas und Tizza zum Film sind vielleicht andere, aber in ihrer Haltung und ihrer Entschiedenheit, mit der sie Filme machen/machten (und lehrten), sind sie, denke ich, gar nicht mal so verschieden.

Zitat von Heiner Müller auf Thomas Heises Schreibtisch; einer von Daniels Lehrenden an der Akademie der bildenden Künste.

Welche Filme kommen dem am nächsten, wie du Filme machen möchtest?

Daniel Fill: Das ändert sich laufend, je nachdem an welchem Film ich gerade arbeite. Ich versuche immer eine Sichtungsliste mit Filmen anzulegen, die für die aktuelle Arbeit in verschiedener Hinsicht relevant sind: bei manchen Filmen ist es der Zugang zum Gegenstand, bei anderen stilistische Details, der Umgang mit Protagonist:innen, strukturelle Eigenheiten oder spezifische Schnittentscheidungen. Für das Filmprojekt Amerika sind das bis jetzt u.a. Passage à l'Acte von Martin Arnold, Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? von Gerhard Friedl und 10104 Angelo View Drive von Dorit Magreiter.

Du scheinst dich sehr für Orte zu interessieren: Im Film "Jochen" ist es die Toskana, in „Die schönste Zeit“ (2021, gemeinsam mit Maria Lisa Pichler) ein altes Wiener Beisl, in „Durchgangsland“ ist es ein südtiroler Dorf, in „Amerika“, deinem Startstipendiumsprojekt, ein suburbaner Lebensraum rund um Wien. Ist das Zufall oder gibt es verbindende Elemente in deinen dokumentarischen Motiven?

Daniel Fill: Ja, am Anfang sind es Orte, die mich interessieren, aber mehr noch die formellen, filmischen Fragen, die sich an den unterschiedlichen Orten „von sich aus“ stellen. Die ländliche Toskana erfordert beispielsweise einen anderen filmischen Zugang als ein Wiener Beisl oder das suburbane Niederösterreich.

Das Interesse an Orten ist sicher eine Gemeinsamkeit meiner Dokumentarfilme und gleichzeitig ein großes Unterscheidungsmerkmal. Die Orte prägen die Form der Filme, und diese unterscheidet sich von Film zu Film.

Das Filmprojekt Amerika beschäftigt sich aber nicht mit einem Ort im eigentlichen Sinn: "They call it 'suburbia' and that word's perfect because it's a combination of the words 'suburb' and 'utopia'". So wird dieser "Ort" im Film Suburbia von Penelope Spheeris beschrieben.

Worum geht es im geplanten Filmprojekt „Amerika“, mit dem du dich für das Startstipendium beworben hast?

Daniel Fill: Ich versuche mich mithilfe von Direktzitaten aus Hollywoodfilmen an den Mythos Suburbia anzunähern. Die US-Vorstädte wurden in der amerikanischen Filmgeschichte ausführlichst bearbeitet, das ist ein breites Spektrum, das von Propaganda bis zu sehr kritischen Filmen reicht. Ästhetische Verweise auf dieses Suburbia finden sich aber auch im Wiener Speckgürtel. Mein Filmprojekt unternimmt den Versuch mit Hilfe von Fiktion und dokumentarischen Bildern, die realen Manifestationen dieses Mythos in Österreich zu finden. Das können architektonische Details sein, aber auch gesellschaftliche Gepflogenheiten, die damit verbunden werden: der Zwang zur patriarchalen Kernfamilie, atemraubende Heterosexualität oder soziale und ethnische Homogenität.

Teil des Programms des Startstipendiums ist ein individuelles Mentoring. Dein Mentor ist der ehemalige Viennale- und Filmmuseums-Leiter Alexander Horwath, der 2024 mit seinem ersten Film, „Henry Fonda for President“, einen großen Essay über die USA realisierte. Wie wird dein Blick sein auf den Amerikanischen (und wohl auch österreichischen) Traum?

Daniel Fill: Der Umgang mit Direktzitaten in Henry Fonda for President spricht mich sehr an. Es ist ein Film, der MIT Filmen argumentiert. Das habe ich mir auch in meiner Arbeit zur Aufgabe gemacht. Mein Projekt arbeitet mit vielen kleinen Bruchstücken aus der US-amerikanischen Filmgeschichte, nicht aber um etwas über die Verhältnisse in den USA zu erfahren, sondern über die Verhältnisse hier in Österreich. Es geht darum relevante Bruchstücke ausfindig zu machen und sie auf ihren dokumentarischen Gehalt, und ihre Relevanz für meine Problemstellung zu überprüfen und da ist Alexander Horwaths Rat sehr kostbar.

Still aus Daniels Dokumentarfilmdebüt "Durchgangsland" (2024, 75 Min.), der auf der Duisburger Filmwoche mit dem ARTE-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde.

In welchem Stadium befindet sich das Projekt „Amerika“ aktuell und was sind derzeit die großen Herausforderungen?

Daniel Fill: Ich arbeite an verschiedenen Produktionsstadien zeitgleich. Das Filmprojekt widersetzt sich vehement herkömmlichen Produktionslogiken. Ich habe schon ein bisschen gedreht, einige Testsequenzen geschnitten, vieles wieder verworfen und später wieder ausgegraben. Zeitgleich recherchiere ich und sichte zahlreiche Hollywoodfilme die im suburbanen/kleinstädtischen Milieu spielen und erweitere so meine Zitatsammlung immer weiter. Das schwierigste (aus heutiger Sicht) wird vermutlich das Aufhören. Wann ist genug? Genug gesichtet, gedreht, recherchiert? Es finden sich laufend neue Filme, Bilder und Bücher...

Webseite Daniel Fill

Portraitfoto © Cinema Next | Brisilda Bufi

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